Vor 50 Jahren: Nancy Caroline

Nancy Caroline war eine Pionierin des Rettungsdienstes in den USA und Mitarbeiterin von Peter Safar, einem der Wegbereiter der Reanimatologie, an der Universität von Pittsburgh. Mit diesem zusammen übernahm sie 1974 im Alter von 30 Jahren – vor nunmehr 50 Jahren – die Leitung des ersten amerikanischen Schulungsprojekt für Paramedics überhaupt, welches als sozialpädagogisches Projekt in einem schwarzen Problemviertel von Pittsburgh unter dem Namen „Freedom House“ gestartet wurde [1]. Damit setzte sie zugleich ein starkes Signal gegen Segregation und Benachteiligung der afroamerikanischen Bevölkerung. Ihr Ausbildungscurriculum wurde im Jahr darauf von der US-Regierung übernommen. Nancy Caroline begründete in der Folge ein Standard-Lehrbuch mit dem Titel “Emergency Care in the Streets“, welches kürzlich in der 9. Auflage (!) und immer noch unter ihrem Namen herausgegeben
wurde.

Nancy Lee Caroline (1944-2002)

Bildquelle: Hospice of the Upper Galilee, www.hug.org.il, Name des Fotografen unbekannt
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In den USA hatte man sich in den 1960-er Jahren gegen ein Notarzt-System entschieden, aber es war nach wie vor ungelöst, welche notfallmedizinischen Maßnahmen prähospital gefordert werden und unter wessen Delegation und Verantwortung diese Maßnahmen durchgeführt werden sollten.

Nancy Caroline stand vor der noch unbekannten Herausforderung, junge und medizinisch völlig unerfahrene Menschen für eine zunehmend komplexer werdende notfallmedizinische Tätigkeit als Paramedics zu motivieren und auszubilden.

In einem Editorial zu einem Fachjournal [2] schrieb Nancy Caroline 1977 im Alter von 33 Jahren: „Im Hinblick auf das europäische Modell scheint klar, dass die Entwicklung im Bereich der Paramedics in diesem Land […USA…] die logische Konsequenz der Verweigerungshaltung der Ärzte gegenüber ihrer Verantwortung ist – ihres Versagens, den Auftrag der Versorgung von Kranken und Verletzten überall dort auszuführen, wo sich diese befinden. Warum auch immer – anders als in Europa sind die Ärzte in den USA nicht bereit, im Rettungsdienst zu arbeiten.“

Man liest aus diesen Zeilen einen starken moralischen Appell an ihre ärztlichen Kolleginnen und Kollegen, ihre Kenntnisse und Erfahrungen auch außerhalb des Krankenhauses in die Patientenversorgung einzubringen. Im Hinblick auf die real existierenden Bedingungen zog Nancy Caroline die pragmatische Schlussfolgerung, dass sich Ärzte, wenn nicht auf der Straße, dann auf jeden Fall intensiv in der Ausbildung und Begleitung der Paramedics engagieren müssen.

In dem Editorial schrieb sie weiter: „Wir haben aufgrund der Vorgaben unseren Paramedics bestimmte Bereiche der Versorgung von kritisch kranken und verletzten Patienten zugeordnet. Ob eine Delegation bei diesen vulnerablen Patienten angemessen ist oder nicht, ist eine andere Frage. Es ist, wie es ist. Das sollte jedoch nicht bedeuten, dass wir in gleicher Weise die moralische Verantwortung für das Wohlergehen dieser Patienten abgeben. Wir dürfen uns [im Paramedic-System] nicht zu weit von den Patienten entfernen. Wir tragen die Verantwortung für das, was mit ihnen auf der Straße geschieht. Es sind unsere Patienten, und jeder von uns muss dafür sorgen, dass sie dort dieselbe Versorgung erhalten als wären wir physisch präsent.“

Trotz verbesserter Ausbildung lief offenbar nicht alles rund im Rettungsdienst der USA in den 1970-er Jahren. Daher schrieb sie weiter:

Unsere Aufgabe besteht in der Fokussierung auf Qualitätssicherung, in der Begleitung der Paramedics im Einsatz, in der Durchsicht der Protokolle und Bewertung von follow-up Daten zum Patienten-Outcome sowie in der regelmäßigen Überprüfung des Kenntnisstandes und Rezertifizierung. Medizinische Standards dürfen nicht gegenüber politischer Zweckdienlichkeit aufgegeben werden, und es dürfen keine Kompromisse bei der Behandlungsqualität aufgrund einzelner Interessengruppen oder eigener Bequemlichkeit geschlossen werden.“

Nancy Caroline ging im Anschluss an ihre Tätigkeit in Pittsburgh nach Israel, um dort den staatlichen Rettungsdienst aufzubauen und zu leiten. In den 80er Jahren arbeitete sie mehrfach bei den Flying Doctors in Afrika, um notfallmedizinische Konzepte auch in Entwicklungsländern zu verankern. Später arbeitete sie als Palliativmedizinerin und in der Hospizbewegung in Israel. Nancy Caroline wurde 58 Jahre alt und starb 2002 an einem Krebsleiden.

 

[1] Freedom House Ambulance Service. https://en.wikipedia.org/wiki/Freedom_House_Ambulance_Service

[2] Caroline NL. Quo vadis, rampart one? Journal of the American College of Emergency Physicians 1977; 6 (8): 376-379